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Die „Closes“ von Edinburgh

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Wer durch die Altstadt von Edinburgh läuft, bemerkt sie oft erst auf den zweiten Blick: schmale Durchgänge zwischen hohen Häusern, manchmal nur wenige Meter breit, oft steil abfallend, mit Stufen, Bögen oder dunklen Tunneln. Diese Gassen nennt man „Closes“ – ein charakteristisches Merkmal der historischen Stadtstruktur rund um die Royal Mile.

Was sind „Closes“?

Der Begriff Close stammt aus dem schottischen Englisch und bezeichnet eine schmale Seitengasse oder einen Innenhofzugang, der von der Hauptstraße zwischen Häusern hindurchführt. Viele dieser Gassen verbinden die Royal Mile mit tieferliegenden Straßen oder führen zu Innenhöfen, Hinterhäusern oder ehemaligen Wohnanlagen. Architektonisch entstanden die Closes aus einem einfachen Grund: Im mittelalterlichen Edinburgh war der Platz innerhalb der Stadtmauern knapp. Deshalb baute man extrem dicht und hoch. Die Grundstücke lagen lang und schmal hintereinander, und die Closes dienten als Zugänge zu diesen hinteren Bereichen. Typische Merkmale sind sehr schmale Durchgänge (teilweise nur 1–2 m breit), oft steile Treppen wegen des starken Gefälles der Altstadt, hohe dicht stehende Gebäude auf beiden Seiten, häufig überwölbte Abschnitte oder Tunnel unter Häusern sowie Zugänge zu Innenhöfen („courts“) oder Hinterhäusern. Viele Closes wirken heute noch fast so wie vor mehreren Jahrhunderten.

Leben in den Closes im 17. und 18. Jahrhundert

Im frühen modernen Edinburgh gehörten die Closes zu den am dichtesten besiedelten Orten Europas. Häuser mit 8 bis 12 Stockwerken waren keine Seltenheit. In einem einzigen Gebäude konnten mehrere hundert Menschen leben. Die soziale Struktur war dabei erstaunlich gemischt. Wohlhabende Bewohner lebten meist in den unteren Stockwerken, Handwerker und Händler in mittleren Etagen und arme Familien sowie Arbeiter ganz oben unter dem Dach. Sanitäre Einrichtungen waren minimal, und viele Closes waren dunkel, feucht und eng. Historische Berichte beschreiben eine Mischung aus geschäftigem Stadtleben, Gerüchen, Märkten, Werkstätten und Wohnräumen auf engstem Raum.

Namen mit Geschichte

Viele Closes tragen bis heute historische Namen, oft nach Bewohnern, Berufen oder Ereignissen benannt. Beispiele sind Advocate’s Close, benannt nach einem Juristen, Fleshmarket Close in der Nähe eines ehemaligen Fleischmarktes, Bakehouse Close, das an eine frühere Bäckerei erinnert, oder Lady Stair’s Close, benannt nach einer Adligen. Manche Namen geben Hinweise auf die frühere Nutzung der Umgebung oder auf bekannte Bewohner.

Mary King’s Close – ein besonderer Fall

Einer der bekanntesten Closes ist Mary King’s Close. Dieser Bereich wurde im 18. Jahrhundert teilweise überbaut, als die City Chambers errichtet wurden. Dadurch blieb ein ganzer Abschnitt der alten Gasse unterirdisch erhalten. Heute ist dieser Bereich als historische Attraktion zugänglich und zeigt, wie eng und dicht das Leben in den Closes früher war.

Die Closes heute

Heute gehören die Closes zu den faszinierendsten Details der Edinburgher Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Manche sind hell und offen, andere wirken noch immer geheimnisvoll und verwinkelt. Für Besucher haben sie mehrere Funktionen: Sie dienen als Abkürzungen zwischen den Straßen der Altstadt, sind fotografisch interessante Orte mit typischer mittelalterlicher Atmosphäre und bieten Zugang zu Innenhöfen, kleinen Geschäften, Pubs oder Museen. Wer die Royal Mile verlässt und durch einen dieser Durchgänge geht, erlebt oft ein ganz anderes Edinburgh – ruhiger, enger und mit spürbarer Geschichte.

Ein Blick hinter die Fassaden

Die Closes zeigen, wie eine mittelalterliche Stadt mit wenig Platz umgehen musste. Hinter den repräsentativen Fassaden der Royal Mile verbirgt sich ein dichtes Netzwerk aus Gassen, Treppen und Höfen, das über Jahrhunderte gewachsen ist. Gerade deshalb lohnt es sich, beim Spaziergang durch Edinburgh nicht nur der Hauptstraße zu folgen, sondern auch einen Blick in diese unscheinbaren Durchgänge zu werfen. Oft führen sie zu den spannendsten Orten der Stadt.


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